Was bleibt von Preußen? (Teil III)

11 06 2007

Preußen war mithin, so der Eindruck nach der Lektüre, – bürgerlicher, in der Breite aufgeklärter, stärker politisiert, weniger zentralistisch und weniger absolutistisch als es verbreitete Klischees wollen. Wenn man die Kapitel für das ausgehende 17. und 18. Jahrhundert liest, scheint Preußen in Clarks Augen in vielem (begrenzte bürokratische Durchdringung des Territoriums, Kaffeehäuser und literarische Salons, gemäßigte Zensur und religiöse Toleranz, neue Formen der Staatlichkeit und des Patriotismus) moderner gewesen zu sein, als Frankreich oder Österreich. Den Rest des Beitrags lesen »





Was bleibt von Preußen? (Teil II)

11 06 2007

Fast schon einfallslos ist der Einstieg in die Studie: „Am Anfang war Brandenburg.“ Anders als bei manchem seiner ähnlich bibelfesten Vorgänger taugt aber der „Anfang“ bei Brandenburg kaum zum Ursprungsmythos. Eloquent erläutert Clark im ersten Kapitel nämlich, warum gerade Brandenburg nicht für eine herausgehobene Stellung in der deutschen Geschichte in Frage kommen dürfte. Immerhin, das ist die feine Ironie Clarks, beendet er das Werk analog: „Am Ende war nur noch Brandenburg.“ Weit entfernt von einem zyklischen Geschichtsbild führt Clark die Geschichte der beispiellosen brandenburgisch-preußischen bzw. hohenzollernschen Expansion in seinem Konzept auf deren Ausgangspunkt zurück – auf die Landschaft Brandenburg, die er im Schluß mit deutlicher Sympathie und Rekurs auf Fontane schildert. Den Rest des Beitrags lesen »





„Am Ende war nur noch Brandenburg“ – was bleibt von Preußen? (Teil I)

11 06 2007
Christopher Clark, Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600-1947, München (DVA) 2007 (eng. und amerik. 2006).
Iron Kingdom - DEIron Kongdom - UKIron Kingdom - US

 

Titelbilder zu interpretieren erweist sich oft als eher gewagt – nicht zuletzt, da meist nicht der Autor, sondern Lektoren und Vertrieb auf sogenannten Titelkonferenzen Formulierungen, Layouts und besonders Bilder erarbeiten. In diesem Fall läge es nahe, die Titelbilder der englischen, der amerikanischen sowie der deutschen Ausgabe von Christopher Clarks Preußen-Buch zu vergleichen. Auffällig ist einerseits, daß in allen drei Fällen Wilhelm II. die Ehre des Schutzumschlages zukommt (für mich ein Grund, wie so oft auf den meist überflüssigen und wenig innovativ gestalteten Schutzumschlag im Bücherregal zu verzichten). Andererseits sind die deutsche amerikanische Ausgabe geradezu konservativ in der Schwarzweißdarstellung WIIs in Paradeuniform, der sich auf der deutschen Ausgabe scheinbar gegen das doch eher laue Lüftchen der Veränderung stemmt. Zumindest der englische Verlag versucht mit einem Schuß Ironie den berittenen WII in sandiger (brandenburgischer?) Landschaft mit einem der Inbegriffe der technischen Moderne zu konfrontieren – mit einem Doppeldeckerflugzeug. Den Rest des Beitrags lesen »





„Bücher die Sie lesen sollten“ oder: Über die Allgegenwart des Kanons

9 06 2007

Bunter Kanon

Seit einigen Jahren haben sich eine ganze Reihe von Printmedien energisch bemüht, eine Reihe angeblich besonders lesenswerter Titel der Weltliteratur einem großen Publikum in schön gestalteten Ausgaben zu vermitteln und zugänglich zu machen. Sicher ein ehrenwertes Unterfangen – die Verantwortlichen haben ja auch keinen Einfluß darauf, ob die Bücher, die abonniert und verschenkt wurden, auch tatsächlich gelesen werden. Immerhin wird jeder begeisterte Leser freudig die Möglichkeit genutzt haben, sich zu einem guten Preise das zu verschaffen, was er ohnehin schon längst lesen wollte – so habe ich es zumindest gehalten. Auch so mancher Literaturkritiker hat mit der geballten Autorität jahrelangen Solistentums im Quartett bereits seinen ganz persönlichen Kanon präsentiert. Einen Vorteil haben solche Projekte immerhin: Über die Auswahl läßt sich streiten – aber man kann die Primärtexte getrost schwarz auf weiß nach Hause tragen und ins Regal stellen. Welche Hybris mag jedoch hinter dem Unternehmen stecken, den Kanon selbst als aggregiertes Werk zu publizieren und für dieses Buch zweiten Grades auch noch eine Leserschaft zu erhoffen? Den Rest des Beitrags lesen »





Si tu réfuses le préservatif, tu es un salaud!

4 06 2007

Am Montag, den 22. Januar, starb mit 94 Jahren der katholische Priester Henri Grouès, in Frankreich besser bekannt als Abbé Pierre (* 5.8.1912), eine Person der französischen Zeitgeschichte, für die es wohl in Deutschland kein Äquivalent gab. Bis in sein hohes Alter von 94 Jahren galt Abbé Pierre, der Gründer der Emmaüs-Gemeinden (1949, Compagnons d’Emmaüs), als das soziale und moralische Gewissen Frankreichs. Die Liste der von den Franzosen am meisten geschätzten Personen führte er so oft an, daß er schließlich bat, nicht mehr zur Wahl gestellt zu werden. Den Rest des Beitrags lesen »