Am Montag, den 22. Januar, starb mit 94 Jahren der katholische Priester Henri Grouès, in Frankreich besser bekannt als Abbé Pierre (* 5.8.1912), eine Person der französischen Zeitgeschichte, für die es wohl in Deutschland kein Äquivalent gab. Bis in sein hohes Alter von 94 Jahren galt Abbé Pierre, der Gründer der Emmaüs-Gemeinden (1949, Compagnons d’Emmaüs), als das soziale und moralische Gewissen Frankreichs. Die Liste der von den Franzosen am meisten geschätzten Personen führte er so oft an, daß er schließlich bat, nicht mehr zur Wahl gestellt zu werden.
Die dévotion so vieler seiner Landsleute mag auch aus seiner aktiven Mitwirkung in der Résistance herrühren und aus der Offenheit, mit der er für seine Überzeugungen eintrat. In Erinnerung wird er den meisten aber seines sozialen Engagements halber bleiben. Abbé Pierre war ein Armenpriester in einer Industriegesellschaft, die nur zu oft die Existenz von Armut vor der eigenen Haustüre verdrängt. Gerade um die Obdachlosen bemühten sich die von ihm gegründeten Sozialwerke immer wieder – und dabei propagierte er schon in den 1950er Jahren ein Konzept der Hilfe zur Selbsthilfe, neben dem die noch übliche Wohltätigkeit durch Almosen veraltet erscheinen muß. Nationale Berühmtheit erlangte er im ungewöhnlich harten Winter 1954, nachdem dieser ein erstes Todesopfer gefordert hatte: eine alte Frau, die aus ihrer Wohnung vertrieben worden war. Im Radio richtete er einen eindringlichen Appell an die Bevölkerung:
„Mes amis, au secours… Une femme vient de mourir gelée cette nuit à 3 heures, sur le trottoir du boulevard de Sébastopol, serrant sur elle le papier par lequel, avant-hier, on l’avait expulsée. Devant leurs frères mourant de misère, une seule opinion doit exister entre les hommes : la volonté de rendre impossible que cela dure. Je vous en prie, aimons-nous assez tout de suite pour faire cela. Que tant de douleur nous ait rendu cette chose merveilleuse : l’âme commune de la France, merci ! Chacun de nous peut venir en aide aux sans-abri. Il nous faut pour ce soir, et au plus tard pour demain : 5 000 couvertures, 300 grandes tentes américaines, 200 poêles catalytiques. Grâce à vous, aucun homme, aucun gosse, ne couchera ce soir sur l’asphalte ou les quais de Paris. Merci.“
Man fühlt sich beim lesen dieser Worte leider unangenehm berührt, wenn man an die Aktionen der Pariser Obdachlosen in diesem Winter denkt, die – unterstützt von Bürgern und ihren neuen Nachbarn (sic) – in langen Reihen von Zelten am Quai d’Orsay kampierten, um gegen den Wohnungsmangel in der Stadt der Liebe aufmerksam zu machen. Damals wie heute kam erst Bewegung in die Angelegenheit, wurde zuerst bürgerschaftliches Engagement eingefordert und dann die Politik zum Handeln genötigt, als die Öffentlichkeit in den Massenmedien sensiblisiert wurde – gehört doch damals wie heute der clochard (viele Betroffenen bestehen in merkwürdigem Stolz auf dieser Bezeichnung anstatt des amtlichen aber politisch korrekten sans domicile fixe, abkürzbar in einem der linksrheinisch allseits beliebten Akronyme: SDF) zwar zum alltäglichen Bild der französischen Hauptstadt – ohne von den Einwohnern überhaupt noch wahrgenommen zu werden.
Selbst im hohen Alter kämpfte Abbé Pierre politisch und wenn nötig auch noch auf der Straße für die Hilfsbedürftigen. Und er erhielt sich bis zuletzt einen eigensinnigen Geist. Noch vor zwei Jahren bewies er in seinem letzten Buch „Mon Dieu … pourquoi“ seine Offenheit und Aufgeschlossenheit gegenüber der Moderne und mochte in manchen Dogmen der Kirche keinen Sinn mehr sehen: so votierte er offen gegen den Zölibat der Priester und für die Ordination der Frauen. Auch verteidigte er den Wunsch homosexueller Paare nach gesellschaftlicher Anerkennung – wenn er es auch bevorzugte, wenn dafür nicht eine symbolisch aufgeladene Institution wie die Heirat (mariage) verwendet würde; man möge es doch bei einer alliance belassen. Auch die Frage nach der Adoption durch homosexuelle Paare hielt er zumindest für diskussionswürdig. Und mehrmals hatte er entgegen der offiziellen Linie der katholischen Sexualmoral die Verwendung von Präservativen zur Verhütung der HIV-Übertragung gefordert.
Die Wärme und die undogmatische Haltung dieses Mannes werden Frankreich fehlen – vielleicht auch der katholischen Kirche, die in Frankreich mit Abbé Pierre wohl ihren beliebtesten Vertreter (woh noch vor dem emeritierten Pariser Erzbischof Jean-Marie Lustiger) verliert.
„Il ne faut pas attendre d’être parfait pour commencer quelque chose de bien.“
„Les hommes politiques ne connaissent la misère que par les statistiques. On ne pleure pas devant les chiffres.“
„On ne peut pas, sous prétexte qu’il est impossible de tout faire en un jour, ne rien faire du tout.“

