Meistens verweigere ich mich ja Romanen, die auf den Bestseller-Listen von Spiegel und Focus oben auf stehen, die von allen gekauft oder gelesen oder verschenkt werden. Nun, nachdem ich das Buch selbst bereits dreimal – sowohl auf deutsch wie auf englisch – verschenkt und nachdem die Buchhändlerin meines Vertrauens mir persönlich davon abgeraten hatte, habe ich mir also doch das „Bravourstück“ (Denis Scheck im Tagesspiegel) von Marina Lewycka vorgenommen, die „Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“. Es gehört ein ziemlicher Mut dazu, ein Erstlingswerk mit einem derart sperrigen Titel zu publizieren, der so gar nichts über den Inhalt des Buches und das Genre verrät.

Den englischen Verlag (Viking Penguin, London) muß man loben für die ausnahmsweise durchdachte und schlicht-schöne Einbandgestaltung, deren Konzept Balk und Brumshagen und deren Ausführung gray318 (der Besuch lohnt für den, der interessante Cover sehen will) zu verantworten haben. Man muß vor allem auch dtv dankbar sein, daß sie gar nicht erst auf die Idee gekommen sind, dem Roman einen typisch deutschen, einfallslosen Schutzumschlag überzuziehen. Die Nachahmung des bräunlichen Packpapiers beim gesamten Umschlag, in die der Vater Nicolai das Manuskript seiner „Short History of Tractors in Ucrainian“ wickelt, der stilisierte Traktor auf dem Titel, der Apfel und das Kerngehäuse auf dem Rücken und dem inneren Umschlag (Anspielung auf das Toshiba-Rezept Nicolais zur Zubereitung von Fallobst mit Hilfe einer Toshiba-Mikrowelle), schließlich auf der Rückseite die Häuserzeile einer englischen Kleinstadtsiedlung mit dem verfallenden Haus des Vaters, kenntlich an den zersprungenen Fenstern: ein ausnahmsweise durchdachter Einband, den man auch nicht versucht ist, sofort zu entfernen, wie es mir immer wieder bei Schutzumschlägen geht.
Was bietet nun der Erstling, der von so vielen gelobt wurde? Ein Blick in den Beginn des ersten Kapitels kündigt bereits die zentrale Verwirrung an, die bis zur Krisis, bis zum (teilweisen) dénouement, der Entwirrung des Knotens der Handlungen auf 350 Seiten verfolgt wird (im Satzbild eines normalen Taschenbuchs wären es wohl kaum mehr als 250 Seiten). Die cineastische Anspielung in der Kapitelüberschrift konnte sich die Autorin offensichtlich nicht verkneifen. Eine Reihe von Kapitelüberschriften sind übrigens erfrischend skurril und so gar nicht romanesk, erweisen sich bei der Lektüre des Kapitels aber als überraschend passend (4. Ein Kaninchen und ein Huhn; 8. Ein BH aus grünem Satin; 10. Pitschi-patschi; 12. Ein angebissenes Schinkensandwich; 13. Die gelben Gummihandschuhe; 17. Lady Di und der Rolls-Royce; 28. Eine Pilotenbrille mit Goldrand).
I.
Zwei Anrufe und eine BeerdigungZwei Jahre nach dem Tod meiner Mutter verliebte sich mein Vater in eine berückende blonde geschiedene Frau aus der Ukraine. Er war vierundachtzig, sie sechsunddreißig. Wie eine flauschige rosa Granate schoß sie in unser Leben, wirbelte trübes Wasser auf, brachte den ganzen Morast längst versunkener Erinnerungen wieder an die Oberfläche und trat unseren Familiengespenstern kräftig in den Hintern.
Mit einem Anruf fing alles an.
Soweit so gut: Der Plot liegt offen vor uns, die trübe-Wasser-Morast-Metaphorik ist gutgemeint aber angenutzt und die Erzählerin und ihre Familiensituation werden in den folgenden Kapiteln noch klarer konturiert: Nadia (Nadeshda), die jüngere der zwei Töchter von Nikolai, ist mit ihrer älteren Schwester Vera gewillt, alles zu unternehmen, um erstens die Eheschließung zu verhindern und zweitens die Scheidung herbeizuführen. Die beiden entscheiden sich dabei zu einem Zangenangriff mit der Einleitung eines Scheidungsverfahren einerseits und der Beförderung der Abschiebung der dann hoffentlich geschiedenen und zudem erwiesenen Scheinehe-Frau andererseits.
Um diesen Plot mit Privatdetektiven, Anwälten, einstweiliger Verfügung und Scheidungsverfahren, Heulen und Betteln (vor allem Nikolais, der einem manchmal wirklich als armer alter Trottel erscheint, der gegen seine neue Frau kaum ankommt, vor allem nicht gegen ihre beiden chirurgisch aufbereiteten Argumente), um diesen Plot, der für sich allein etwas dürftig wäre, hat Levicka die von Nicolai in dieser Zeit verfaßte Geschichte des Traktors (wobei mir allerdings bis jetzt nicht klar ist, ob man das allegorisch, metaphorisch oder gar nicht in Bezug zur Handlung setzen sollte) und die Familiengeschichte herumgebaut, angereichert mit der Geschichte der Ukraine und Mitteleuropas im Zweiten Weltkrieg.
Die Querverbindungen sind allerdings nur punktuell, häufig wird eher im Berichtsstil, mit wenig Ausschmückungen und Emotion die Familiengeschichte abgehandelt – ob hier überhaupt noch Nadia als Erzählerin fungiert ist oft nicht klar. Was Nadia, Vera, Nicolai oder andere über die Geschehnisse vor und nach dem Krieg zu sagen haben, wird in fast neutralem Ton transportiert – und kommt vor allem in den letzten Kapiteln als geballte, aber schon sachlich aufbereitete Ladung.
Vor allem am Ende, als eine Art Zusammenfassung der Familiengeschichte von Kriegskind (Vera) und Friedenskind (Nadia) auch das Verhältnis der Schwestern deuten soll, wird deutlich, wie viel mehr man aus diesem Strang der Geschichte hätte machen können, wenn dies ein eigenständiger Erzähl(!)strang des Romans wäre: wenn, ja wenn die Autorin Umberto Eco hieße und die im Ansatz interessante Erzählstruktur mit Rückblenden und plastischen Geschichtserzählungen aller Beteiligter (Vater, Schwester Vera, ja vielleicht sogar Valentina) angereichert, dichter und farbiger geworden wäre.
Auch von der Ukraine in der Transitionsphase nach Auflösung der Sowjetunion ist wenig und nur vom Hörensagen zu erfahren – so holzschnittartig wie Valentina als geldgieriges, materielles Busenwunder angelegt ist, wären allerdings von ihr kaum größere Einsichten in Gesellschaft, Politik und Probleme dieser oder anderer ehemaligen Sowjetrepubliken zu erfahren gewesen. Um wenigstens ein paar Grundzüge darüber zu erfahren, muß man sich schon an den gegen Ende in den Roman eingeführten ersten Ehemann dieser Dame halten. Aber auch diesen läßt die Erzählerin Nadia kaum zu Wort kommen. Seine langen Ausführungen werden gleichsam nur als Ergebnisprotokoll wiedergegeben. Hier merkt man deutlich die Beschränkungen der Anlage des Romans die mit dem Fokus auf eine, wenn auch interessante Ich-Erzählerin verbunden sind.
Die Weltordnung des Romans ist übrigens klar strukturiert: Vera, geschieden, konservativ und erfolgsorientiert, ohne Selbstzweifel und hart, darin der von ihr verehrten Margaret Thatcher nicht unähnlich – aber mit dunklen und bedrückenden Geheimnissen aus der Kriegszeit belastet. Nadia, Soziologin an einer Universität, glücklich verheiratet, links (auch wenn nie ganz klar wird, was das nun bedeutet – oder läge das etwa in der Natur der Sache?), gelenkt vom kritischen Geist einer Generation, welche die Gesellschaft, deren Wirkung auf das Individuum aber auch sich selbst und die eigenen Position dauernd hinterfragt. Das führt dazu, daß Nadia zu einem gewissen Verständnis für die Mentalität und die Bedürfnisse Valentinas fähig ist. Das Verständnis geht allerdings kaum soweit, daß Sie nicht bereit wäre, sich in das Leben und die Entscheidungen ihres Vaters einzumischen und auch Mittel zu ergreifen, die kaum mit ihren politischen Überzeugungen vereinbar erscheinen: so ist sie über ihre eigene neu gewonnene Härte im Kampf gegen Valentina erstaunt: wenn die Abschiebung eine Lösung des Problems Valentinas ist – warum nicht!
Und auch sonst sind die Fronten klar: Männer sind schwanzgelenkt (der Vater, alle Geliebten, Ex-Männer und Verehrer Valentinas bis hin zu den Komparsen des Romans: Polizisten und Nadias Ehemann Mike) und fixiert auf deren übernatürlich große Titten – alle Frauen (eigentlich also die beiden Schwestern, denn sonst kommen nur Valentina und deren ähnlich berechnende Freundin vor) durchschauen das: „Valentina bekommt immer, was sie will.“ – das hat auch deren Sohn Stanislaw schon erkannt. Und wenn die Männer nicht gerade von Valentinas Vorbau beeindruckt sind, dann vom Motor des Rolls Royce, den sie zusammen reparieren.
Haben sich also alle geirrt? Ich glaube nein: Marina Lewycka bietet gute Unterhaltung. Ein gediegenes Büchlein, das man schnell durchliest und zufrieden beiseite legen kann. Der „Zickenkrieg“ (Sonja Zekri, SZ) ist tatsächlich witzig; ob es sich aber um einen „klugen Kommentar über die Grenzen der Integrationsbereitschaft“ (dieselbe) oder um eine „anrührende Geschichte über die Mühsal des Alterns“ (Marianne Wellershoff für Spiegel special) handelt, wage ich doch zu bezweifeln. Dazu sind die Charaktere (bis auf Nadia) und auch die Konflikte doch allzu holzschnitthaft.
Wer in der letzten Zeit die Zeitung aufschlägt, weiß daß die Grenzen der Integrationsbereitschaft von anderen Menschen auf andere Weise ausgetestet werden und zwar von beiden Seiten: von hessischen Ministerpräsidenten und anderen, die sich nie um Integration gekümmert haben und jetzt zu viel zu schnell fordern; und von einem verhältnismäßig kleinen Teil der Zuwanderer, die Werte, Regeln und Formen des Umgangs miteinander im aufgeklärten, säkularisierten Europa nicht akzeptieren wollen oder können oder einzelnen, die glauben, Alkohol sei im Nachhinein eine ausreichende Rechtfertigung dafür, einen anderen U-Bahn-Nutzer zusammenzuschlagen: er hätte sich ja nicht beschweren müssen, er hätte doch sehen müssen, daß sie betrunken wären! Dieselben Jugendlichen hätten wohl ähnlich argumentiert, wenn ein Opfer auf andere Weise ihren Unmut erregt hätte: die beiden Schwuchteln müssen ja auch nicht Händchen halten, der Behinderte muß doch nicht in aller Öffentlichkeit herumlaufen …
Aber zurück zum Roman: Die Realität der Zuwanderungsgesellschaft sieht eben anders aus, als die letztlich amüsante Skizze, die Lewycka liefert. Auch einen Abriß der ukrainischen Geschichte, wie ihn wieder die Rezensentin der Süddeutschen im Roman vermutet, kann der Historiker nicht einmal mit niedrig angelegten Maßstäben entdecken Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, in der Danksagung nicht nur auf Internet-Seiten zur Geschichte des Traktors zu verweisen, sondern auch den ein oder anderen Link zur ukrainischen Geschichte oder gar ein Buch! zu empfehlen.
Das soll übrigens nicht bedeuten, daß Lewycka hier nicht mehr zu bieten hätte: Die kurzen Überlegungen über die Zusammenhänge von Moderne und totalem Krieg, die Lewycka dem Autor Nicolai wiederum in den Mund legt, würden die meisten Zeithistoriker wohl sofort unterschreiben. Die ökonomische (Industrialisierung), technische und auch politisch-ideologische Modernisierung (radikales Ordnungsdenken und Entgrenzung der Gewalt durch politische Utopien, welche Vertreibung oder Massenmord als politische Möglichkeit zulassen, ermöglichen oder in letzter Konsequenz einfordern) sind die Voraussetzungen totaler Kriegsführung und der Genozide der Moderne: die Dialektik der Aufklärung läßt grüßen. Der Fachmann erkennt den Gedankengang sofort an – aber den meisten Lesern sollte das doch plastischer gemacht werden.
Was bleibt ist ein komischer, stellenweise äußerst ironischer Roman, dessen Plot sich in Wohlgefallen auflöst: Valentina kehrt mehr oder weniger freiwillig in die Ukraine zurück, zusammen mit ihrem ersten Ehemann Dubov, dem gemeinsamen Sohn Stanislaw und der neugeborenen Tochter Margaritka (von Nikolai ist sie nicht gezeugt worden, von einem der anderen englischen Verehrer schon eher – Valentina scheint auf die damit verbundene Aufenthaltsgenehmigung oder Unterhaltsansprüche aber keinen gesteigerten Wert mehr zu legen; Nadia weist politisch korrekt darauf hin, daß es auf den Erzeuger doch gar nicht ankomme, Dubov sei der soziale Vater, das genüge); Vera fühlt sich in ihrer Meinung über das Wesen des Menschen im Allgemeinen und von Mann und Frau im Besonderen bestätigt; Nikolai fügt sich in den Gedanken, in ein Heim für betreutes Wohnen zu ziehen – wo er fortan Yoga für sich entdeckt, und das „in all seiner welken, alten fröhlichen Nacktheit“; Nadia schließlich hat vielleicht viel dazu gelernt, über ihre Familiengeschichte, aber auch über die Kleinbürgerin in sich selbst … was auch immer: Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute!


danke. die erste nachbesprechung zu diesem roman der ich mal zustimmen kann. nicht zuviel hineininterpretiert. jedoch auch nicht zu wenig