Let me see if Adolf can / Be a little gentleman

7 01 2008

Adaptionen auf den altbekannten “Struwwelpeter” von Heinrich Hoffman hat es ja schon viele gegeben, von der weiblichen Fassung der „Struwell-Liese“, über die antiwilheminische bis zur anti-autoritären Variante. Aber vor kurzem kam mir die Neuausgabe einer Fassung unter, die mich wirklich neugierig gemacht hat. Robert (1871-1964) und Philip Spence (1873-1945) zeichneten 1941 für den „Daily Sketch” zugunsten dessen „War Relief Fund”, der die britischen Truppen und Opfer des Bombenkriegs unterstützen sollte, einen „Struwwelhitler. A Nazi Story Book by Doktor Schrecklichkeit“, das schnell in mehreren Auflagen gedruckt wurde. Darin sind die Geschichten des Originals auf beeindruckende Weise verarbeitet.

Hitler bringt als Zappelphilipp den Mittagstisch von Uncle Sam und Aunti B.[ritannia] in Unordnung und geht als „böser Friederich” nicht nur der Marianne an den Kragen, sondern auch „neutralen Vögeln” und allen Verträgen, die er je unterschrieben hat. Der treudoofe Mussolini bekommt es als wilder Jäger mit einer griechischen Ziege zu tun und stolpert als „Guckindieluft” über die britische Bulldogge, fällt ins Mare Nostrum (was seine Flotte zum aus- und davonlaufen inspiriert) und muß von Adolf und Konsorten wieder herausgefischt werden – dumm nur, daß dabei das Widmungsexemplar vom „Mein Kampf” naß geworden ist! Der „fliegende Robert” wird zum fliegenden Rudolf (Heß), der mit Hitler anfangs ein Herz und eine Seele dann doch wegen vermuteter Machtkabalen und Hofintrigen nach England flieht/fliegt. Schließlich wird Goebbels als Daumenlutscher-Adaption als Lügner überführt und bekommt folgerichtig die Daumen abgeschnitten, damit er nicht mehr schreiben kann. Die deutsche Margarethe spielt am liebsten mit Kanonen und zündet ihre Haare und sich selber an (Miau! Mio!) – die „gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug” endet wie immer tödlich. Göring endlich will als „Suppen-Kaspar” keine Butter, sondern Kanonen – was ihm sichtlich nicht gut tut, und als großer Luftmarschall scheitert er leider sowohl an der Eroberung der Lufthoheit über England wie am Schutz der deutschen Fabriken (die einzige Geschichte ohne Vorbild bei Hoffmann). Und aus der „Geschichte von den schwarzen Buben” werden die „Nazi Boys”, die von „Comrade Joseph” in die rote Tinte getaucht werden – eine nicht uninteressante Wendung, die die Gefahr einer Bolschewisierung Europas in Folge der deutschen Dummheiten heraufbeschwört: „Now, branded like the Bolshevik, / They wonder if they’ve dropped a brick.” Die Geschichte von Struwwelpeter/-hitler selbst wird leider nicht ausgebaut und ist hauptsächlich für das Titelblatt gut.

Zwar ist die deutsche Übersetzung an das Original Hoffmanns angelehnt, vorzuziehen scheint mir aber doch die englische Fassung der Umdichtung, die manchmal sogar eleganter und oft treffender scheint. Etwa in den beiden letzten Einführungsversen zur Struwwelhitler-zeichnung:

Schwerer bricht die Krust’ der Torte,
als der Hitler seine Worte.

Piecrust never could be brittler
Than the word of Adolf Hitler.

Oder auch eindeutiger in der Schlußstrophe der „Story of Hermann who wouldn’t have butter”, in der deutlicher wird, daß ein Deutscher sich Hermanns angenommen hat, der vielleicht genug von den Entbehrungen hatte:

Der vierte Tag; sein Los ist hart,
dünn wie ‘ne Lebensmittelkart’;
Dann ist er weg, was ist der Grund?
Ein hungriger Germanenschlund?

The fourth day comes; his lot is hard,
He’s thinner than a ration card;
Look for him now; Some hungry German
Has surely gobbled up our Hermann!

Teilweise ist die englische Fassung sogar präziser, etwa in „The Story of Littel Gobby Poison Pen”:

Kam Mama, der Goebbels stand
Ganz traurig da, zeigt’ seine Hand -
Sprach die Mama, „das ist das Ende,
ganz ohne Daumen deine Hände,
wirst du keine giftg’e Feder halten,
aus ists mit dem schlimmen Walten!”

Mamma comes home, there Goebbels stands
And looks quite sad, and shows his hands -
“Ah!” said Mamma, “So Gobby then
No more can hold his poison pen.
No more will echo roof and rafter
To “Angriff” nor to “Beobachter”.”

Auch wenn zehn Euro für so ein schmales Büchlein nicht ganz wenig ist … allein der Illustrationen halber eine schöne Anschaffung. Und weil’s so schön ist und so viel drin steckt, zum Abschluß noch die Verse aus dem Vorspruch:

When the children have been good,
That is, be it understood,
Good at killing, good at lying,
Good at on each other spying.
When their fourteen Pas, and Mas,
Grandmammas and Grandpapas,
Great Grandparents too, are sure
That their Aryan stock is pure.
They shall have the pretty things
Krupp von Bohlen Halbach brings,
And the blessings, only listen!
Brought by Stinnes, Frick and Thyssen,
Who will welcome all your savings
While you feed on grass and shavings.
Only such as these shall look
At this pretty picture book.

Da der Struwwelpeter selbst inzwischen gemeinfrei ist, kann man ihn sich übrigens komplett zu Gemüte führen, und zwar auf Wikisource! Und wer’s ganz genau wissen will, für den gibt es sogar ein ganzes Struwwelpeter-Museum in Frankfurt am Main.


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