Abha Dawesar, babyji (Anchor Books)
Seit Jahren bin ich mehr als zurückhaltend, wenn mir „Coming of Age“-Geschichten empfohlen werden. Sei es bei Filmen, sei es bei Erzählungen. Irgendwie finde ich sie – so sympathisch und berührend sie sein mögen – auch immer ein wenig peinlich: Was für Dummköpfe! Wieso sagt er/sie das? Wieso macht er/sie das? Wieso merkt er/sie nicht, dass …? Und irgendwie ist es ja auch ein wenig enttäuschend, wenn man merkt, dass das eigene Coming of Age bei weitem unspektakulärer oder vielleicht sogar verunglückter abgelaufen ist, als in diesen Geschichten.
Aber dieses Buch ist wirklich lesenswert und – schon nach den ersten Seiten – unwiderstehlich. Manchmal möchte man allerdings auch hier die Titelfigur, Anamika Sharma, einfach nur an den Schultern packen, schütteln und sie zur Raison bringen. Ein famoses Buch, das der jungen indischen Schriftstellerin Abha Dawesar gelungen ist.
Anamika ist eine begabte, hoch intelligente junge Schülerin der Oberstufe. Interessiert vor allem an Physik und Mathematik (ja, ja) – zugleich aber eine heimlich Leserin des Kamasutra oder von Nabokovs Lolita. Wie sich das gehört: innerhalb weniger Wochen geht alles drunter und drüber, als Anamika eine mehr als doppelt so alte, geschiedene, elegante und – was sie als Rollenvorbild durchaus wichtig werden lässt – geschiedene und selbständige Frau kennenlernt, Tripta, die sie aber in ihren Gedanken immer nur India nennt; fast zur gleichen Zeit bringt sie eine junge, wenige Jahre ältere Dienerin (Rani) ins Haus, die vor ihrem gewalttätigen Mann flieht; Dazu gesellt sich schließlich noch Ihre Schulkameradin und Freundin Sheela, die sie nun ebenfalls zu umgarnen sucht.
Das ganze wird garniert mit Kabalen um ihren besten Freund (Vidur), den Klassen-Rowdy (Shakra Dav), den Schulalltag, die Eltern … Man möchte fast vor Neid erblassen: drei Affären gleichzeitig, wobei Anamika sich zwar im Klaren ist, dass sie allen untreu ist, alle betrügt, alle immer wieder belügt – andererseits aber von ihren je unterschiedlichen Gefühlen gegenüber allen drei Frauen (eigentlich vier: man müsste die Mutter noch dazunehmen) überzeugt ist. Ganz zu schweigen davon, dass auch noch der ein oder andere Mann verschiedenen Alters ihr mehr oder weniger ernst gemeinte Avancen macht. Sie alle sind „a node, a part of the asymmetric geometric figure that was no longer a love triangle but a pentagon“!
Man ist versucht, unterschiedliche Charaktere bei den geliebten Frauen auszumachen. Auch wenn sie allen dreien körperlich nahekommt, scheint das Verhältnis zu Rani, der Dienerin, geprägt von der Körperlichkeit des Zusammenseins. „The nights with Rani had made the world of sex familiar. I understood, the grammar of its pauses, its punctuations. I could claim its language of transgressions of my own.“ Tripta ist das Rollenvorbild der selbstbewussten und selbstständigen Frau. Wenn Anamika diese Rolle für sich am ehesten anstrebt, so passt Sheela hingegen in dieses Zukunftsbild eher in der klassischen Rolle der liebenden Frau, die Anamika haushaltend umsorgt und für die Anamika sorgt.
Die Geschichte nachzuerzählen würde zu weit führen. Was Anamika sympathisch und zugleich unausstehlich macht, ist die Art und Weise, wie sie alle ihre Erfahrungen versucht in Einklang zu bringen mit dem Wissen, das sie aus der Schule und dem Familienleben hat. Und das geschieht durchaus überzeugend – findet Anamika doch immer wieder neue Metaphern und Allegorien für ihre Gefühle, ihr Verhältnis zu ihrer Umwelt, ihren Freunden, ihren Geliebten. Es ist berührend zu sehen, wie Anamika mit sich und der Welt kämpft, um Dinge zu verstehen, die sich aber eben nicht mit Quantenphysik und Mathematik erklären lassen. Zugleich stellt sie alles, auch sich immer wieder in Frage, auch ihre Gefühle zu den drei Frauen: Liebe, Eifersucht, Misstrauen. Sie kämpft schwer daran, dass diese Gefühle, dass menschliche Beziehungen eben nicht absolut, rein, vollkommen sind – wie viele junge Menschen das einfordern. Es ist – um in ihren Bildern zu bleiben – eben doch nicht die reine Mathematik oder Physik, die das menschliche Leben am besten beschreibt: sondern viel eher die von ihr wenig geliebte, weil als unrein und weniger systematisch wahrgenommene (Bio-)Chemie, die auch Tripta/India als Erklärung bevorzugt. Ob es sinnvoller ist, menschliche Beziehungen als mechanische oder chemische Folge von Aktion/Reaktion abzubilden – sei hier einmal dahin gestellt. Dass der Verstand nicht immer weiterhilft, scheint auch Anamika zu entdecken:
Could one have other feelings like this? Vestigial feelings that once had a cause but lingered in long after the cause was gone, a love without a basis? My mind told me there was a reason for everything, just as India’s mind told her that everything was chemical induced and Sheela’s that fate conceived our futures. Every now and then an editorial in the newspaper argued that money or economics was the reason for everything. It all seemed equally absurd.
Es fällt übrigens auf, dass Anamika für derart philosophische Fragen die ungebildete, einer niederen Kaste angehörende Rani gar nicht erst in Betracht zieht: Wie mochte sie die Welt und die Beziehungen unter den Menschen deuten? Anamika scheint Ranis Körper mehr zu interessieren, als deren Meinung. Rani muss in den Augen Anamikas wohl erst gebildet werden, gleichsam aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit herausgeführt werden – dann könnte man mit ihr auch über ernste Dinge reden, die über die Besorgung des Haushalts hinausgehen.
Die Suche nach Erklärungen, Systematisierungen, nachKontrolle, das Verstehen Wollen verweist zugleich auf einen Charakterzug, den man Anamika doch etwas ankreiden möchte: Wie die Spinne im Netz ihrer Beziehungen versucht sie, die alleinige Kontrolle zu behalten, versucht die einzelnen Fäden auseinanderzuhalten, zusammenzubringen, die Kontrolle über Informationen zu behalten. Das scheitert natürlich grandios. Hier zeigt sich eine durchaus egoistische Seite der jungen Frau. Sie will alle drei Frauen, sie „benutzt“, sie „besitzt“ sie, möchte auf keine verzichten – obwohl sie sich der Unmöglichkeit der Situation bewusst ist:
I made a cup of tea for myselb instead of asking Rani. I felt guilty about how I had treated her. I sat with a large sheet of paper and decided to list my problems. In the past twenty-four hours I had lost a best friend and hurt Rani – indeed, I continued to hurt Rani. I had almost been caught by my parents, and I had discovered that Sheela thought of our activities as some kind of experiment. My school life, which earlier had no connection to my home life, was now deeply implicated in it. India’s darwat (party) could be a grand confrontation; once I got through it I wouldn’t have to worry about all my lives colliding. On the other hand, things were definitely coming to a head. I wanted to escape before there was a giant explosion.
Die gegen Ende des Romans immer konkreter werdende Option eines Studiums in Amerika ist vor diesem Hintergrund wohl nicht nur ein Versuch, der Enge der indischen Gesellschaft und den Vorurteilen und Regeln dieser de iure gleichen, de facto hierarchischen Gesellschaft zu entkommen. Beim Besuch einer Bäckerei im Diplomatenviertel von Delhi zwei schwule amerikanische Männer mit ihrem kleinen Sohn zu entdecken und zu beobachten, muss für Anamika eine Offenbarung sein, die sie in diesem Wunsch nur bestärkt haben dürfte. „I want to be free. I don’t want society telling me what to do all the time.“ Der (zumindest zeitweilige) Weg ins westliche Ausland wäre – der Roman bricht zuvor ab, die Perspektive ist aber deutlich – nicht nur ein wichtiger Schritt auf dem Weg in ein selbstbestimmtes und selbstbewusstes Leben, es böte eben auch die Möglichkeit, alle drei Beziehungen auf Grund einer nur äußeren Veränderung abzubrechen.
If I were going to leave the country, everything with Rani would end in less than a year, so I decided to make the most of it. The bliss an sweetness of our time together heightened as the expiry date appeared in my min’s exe. We slept in a tight embrace, my chin on her shoulder and her hand holding my neck.
Der unbedarfte Leser erfährt übrigens wie nebenbei Vieles über die indische Gesellschaft der Gegenwart – auch hierin also ein lesenswertes Buch. Letztlich ist Anamika natürlich auch ein Kind dieser Gesellschaft. Im turmoil der Gefühle zeigt Anamika auch eine Seite, die gar nicht so symapthisch scheint. Sie kann sich eines manchmal herrischen Tons gegenüber Rani nicht enthalten: wenn ihr etwas nicht passt, kann sie (zumindest in der ersten Hälfte des Romans) sehr schnell in die Rolle der Brahmin-Gebieterin fallen. Selbst ihre Bemühungen, Rani das Lesen und Schreiben beizubringen, haben letztlich etwas paternalistisches. Sie ist fordernd – und überfordert Sheela bei ihrem ersten körperlichen Annäherungsversuch. Sie erweist sich als geradezu chauvinistisch, in ihren Vorstellungen von einer möglichen Zukunft mit ihr. Sie hält an Idealen und Bildern fest, und ist schnell enttäuscht, wenn Tripta diesen Idealen nicht entspricht, wenn sie sich anders verhält als erwartet. Aber das „wächst sich aus“: Anamika lernt die Menschen zu akzeptieren, wie sie sind; sie akzeptiert auch, Kompromisse zu machen; lernt ihren Egoismus zu zügeln; lernt aus der Situation heraus das richtige zu tun – ohne Master plan und ohne Komplott.
„Babyji“ ein sehr erotisches Buch, witzig und scharf formuliert noch dazu, „sophisticated“ eben. Dass vor allem amerikanische Zeitungen begeistert waren, überrascht nicht. Eine unterhaltsame Lektüre, die man erst zur Seite legen will, wenn man fertig ist. Nähert man sich dem Ende, so fürchtet man als geübter Leser fast schon die große Krise, die in jedem schlechten Roman mit der Party Triptas kommen müsste: alle dramatis personae an einem Platz; nur einer muss etwas Falschen sagen und das Unheil könnte seinen Lauf nehmen: Anamika wird vor ihren Eltern geoutet, die drei Geliebten toben vor Eifersucht, usw.
Dawesar versagt sich einen solchen Schluss: Die Lösung der Knoten wird zwar angedeutet, man kann für alle Personen, die man kennen und schätzen gelernt hat, hoffen; aber ihr weiteres Schicksal bleibt offen. Und das ist wahrscheinlich gut so, alles Weitere wäre schließlich eine andere Geschichte. Zunächst ist man enttäuscht, über das kurze Schlusskapitel, das der Party folgt. Andererseits zeigt es die Offenheit der Handlung, das gewachsene Selbstbewusstsein Anamikas, das sich konkretisiert in ihren Reiseplänen. Und schließlich zeugt es von etwas, was vielen Jugendlichen angesichts ihrer ersten unglücklichen oder vielleicht auch nur turbulenten Liebeserfahrungen noch nicht klar war, was sie noch nicht akzeptieren können und wollen solange sie an die Reinheit und Absolutheit der menschlichen Gefühle glauben: Das Leben geht eben einfach weiter (ich weiss: ein Gemeimplatz)! Das zumindest hat Anamika verstanden.


